Tausend Gedanken am Flughafen

„Ich werde ihn so sehr vermissen.“ „Ihre Bluse sieht so toll aus.“ „Du musst das schaffen, heute muss es einfach klappen.“ „Endlich mal ein paar Minuten entspannen.“ „Wie komme ich nur über die Runden?“ „Theee Simpsons“

 Ich sitze in einem Kaffee am Flughafen Zürich. Eine halbe Stunde lang beobachte ich die Leute um mich herum. Was wohl in deren Köpfen vorgeht, frage ich mich. Wie es wohl klingen würde, wenn man hören würde, was die anderen denken, frage ich mich. Bestimmt wäre es sehr laut und vor allem chaotisch. Wie unterschiedlich wohl all diese Gedanken sind? So viele Menschen am selben Ort und doch stecken alle an einem komplett anderen Ort in ihrem Leben.

Da ist ein junges Paar gleich vor mir. Es umarmt sich pausenlos. Die junge Frau hält ein Flugticket in der Hand und neben ihr steht ein grosser Koffer. Ich kann nur ihr Gesicht sehen, denn der junge Mann dreht mir den Rücken zu. Ihr Gesichtsausdruck sieht sehr traurig aus. Ob sie einen Sprachaufenthalt plant? Ob sie für immer auswandert oder einfach nur auf Reisen geht? Klar ist, der Abschied fällt ihr schwer. Ich stelle mir vor, was für Gespräche das junge Paar vor diesem Tag wohl geführt haben muss. „Was machen wir aus unserer Beziehung? Bleiben wir zusammen? Versuchen wir eine Fernbeziehung? Werden wir in Kontakt bleiben? Oder ist es sinnvoller, wenn wir uns hier und jetzt trennen?“

Meine Gedanken werden unterbrochen von lautem Gelächter. Links von mir sitzen zwei junge aufgetakelte Frauen. Beide haben ihre blonden Haare zu einem langen Zopf geflochten. Dazu tragen sie roten Lippenstift und Mascara. Sie führen ein sehr angeregtes Gespräch. Ich höre nur ein paar wenige Worte, wie „Whatsapp“ und „Arschloch“. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass sich das Gespräch um Männer dreht. Während sie erzählen, spielen beide an ihren Zöpfen herum und züpfeln sich die Bluse zurecht. Das Gespräch lenkt um, denn ich höre wie die eine Frau sagt: „Nur 30 Franken, von Zara.“ Ich beobachte den bewundernden und zugleich neidischen Blick der anderen Frau. Und frage mich, was sie denn nun wohl denkt?

Rechts von mir kreischt ein Baby. So winzig und süss, dass das Gekreische plötzlich völlig nebensächlich wird. Dass man überhaupt so klein sein kann, frage ich mich. Das Kind ist maximal 2 Wochen alt, schätze ich. Es liegt in den Armen einer älteren Dame mit langen grauen Haaren. Ihr gegenüber sitzt eine junge, blonde Frau. Sie sieht fix und fertig aus, ihre Haare sind zerzaust, ihr Gesicht ungeschminkt.

Niemand sagt ein Ton. Ich frage mich, was in der jungen Mutter wohl gerade vorgeht. Ist sie froh, ihr Kind endlich mal abgeben zu können? Endlich mal entspannen zu können? Stellt sie sich Fragen wie: „Ist das wirklich das Richtige für mich?“ oder „Würde ich nicht viel lieber mein eigenes Leben leben, so wie diese beiden jungen Frauen in Zöpfen links von mir?“

 Ähnlich wie diese junge Mutter sieht die Frau aus, die schräg links von mir sitzt. Zerzaustes Haar, lockere Kleidung und Pickel im Gesicht. Auch sie wird bald so einen kleinen Schreihals in den Armen halten. Ihr Bauch ist kugelrund, der Geburtstermin ist bestimmt nicht mehr weit. Neben ihr sitzt eine junge, rausgeputzte Frau mit Laptop, die ihr gerade irgendwelche Zahlen vorliest. „Budgetierung“ und „Aktienmarkt“ sind Worte, die fallen. Es klingt so, als würde sie ihr gerade erklären, wie sie künftig ihr Geld einzusetzen hat. Die Frau mit Babybauch fasst sich immer wieder an den Kopf. Ich glaube ihre Gedanken lesen zu können: „Miete, Krankenkasse, Telefonkosten, Windeln, Babybrei und Arztbesuche... wie bringe ich nur das ganze Geld zusammen?“

Genau dieselben Gedanken könnten auch von dem Mann neben ihr stammen, welcher an einem separaten Tisch sitzt und konzentriert in seine Akten starrt. Er trägt  Anzug und Krawatte, an der linken Hand steckt ein goldener Ring. Er liest und liest und liest. Nur selten hebt er seinen Blick, zum Beispiel dann, als die Bedienung ihm den Kaffee bringt. Obwohl der Mann riesig ist, wirkt er nicht wirklich gross auf mich. Seine einfallenden Schultern verraten mir, dass er sich vor irgendetwas fürchtet. Ob vielleicht gerade ein Vorstellungsgespräch bevorsteht? Ob Frau und Kind zuhause auf ihn warten? Und dies vielleicht bereits Vorstellungsgespräch Nummer 15 ist?

Viel entspannter wirkt der junge Typ schräg rechts von mir. Er hat es sich im Sofa bequem gemacht. Auf seinen Knien ein Macbook, in den Ohren Kopfhörer. Immer wieder schnellt ein Schmunzeln über sein Gesicht. Wahrscheinlich zieht er sich gerade Simpsons-Folge 137 rein und lacht über die plumpen Witze von Homer Simpson. Ob er überhaupt an irgendetwas denkt? Die einzigen Gedanken, die sich der junge Typ wahrscheinlich gerade macht, sind, ob sein Macbook denn noch genügend Akku für Simpsons-Folge 138 hat.

Millionen von Gedanken kursieren tagtäglich am Zürcher Flughafen. Man denkt, die Gedanken der anderen lesen oder zumindest einschätzen zu können. Doch wahrscheinlich sieht es in den Köpfen dieser Leute ganz anders aus wie in meiner Vorstellung. Wahrscheinlich haben all diese Leute nämlich den ein und selben Gedanken: „Warum starrt uns diese junge Frau ständig an und kritzelt immer wieder Dinge in ihr Notizbuch?“